Myxomyceten versus Trudelhaus

Myxomyceten oder auf deutsch Schleimpilze gehören zu einer sehr frühen Lebensform unseres Planeten, die sich bis in die heutige Zeit ohne grosse Veränderung fortgepflanzt und vermehrt hat. Myxomy- ceten haben für ihren Fortbestand einen biologisch eigenartigen Weg gewählt, statt mit Zellteilung arbeiten sie mir Zellvereinigung. Ihr Lebenszyklus beginnt aus einem Sporenpulver, das so leicht ist, dass es über riesige Distanzen verbreitet werden kann. Mithilfe der grossen Windströme in unserer Atmosphäre werden die Sporen weltweit verbreitet, deshalb findet man auf den gleichen Breitengra- den dieselben Myxomycetenarten. Aus den Sporen wachsen tau- sende kleine, spermaartige Einzeller, die Myxoflagellate, die sich mit einer Schwanzbewegung fortbewegen können. Unter günstigen Be- dingungen, das heisst konstanter Feuchtigkeit, bilden die Myxofla- gellate einen gemeinsamen Bewegungsstrom und vereinigen dabei ihre Zellkerne. Es entsteht eine einzige, wabernde grosse Zelle, die auf Nahrungssuche geht. Im Fressstadium sucht die Zelle Bakteri- en, Pilze und Stärke und kann unter günstigen Bedingung bis zu 20 cm gross werden und sich dabei sogar langsam fortbewegen. Hat sie genug gefressen, erstarrt sie an Ort und bildet hunderte wunder- samer Fruchtknoten, glänzende Kugeln, Stäbchen oder birnenförmi- ge Keulen. Diese platzen auf und verteilen ihre Sporen wieder in die Atmosphäre.

Myxomyceten sind auch in unseren Wäldern, an Flussrändern oder auch auf alten feuchten Hausdächern wie hier in der Altstadt weit verbreitet. Im Mittelalter bekamen sie Fantasienamen wie „Dra- chendreck“ und „Hexenbutter“. In Mexico wird eine Myxomycetenart sogar grilliert gegessen, sie wird dort „Caca de Luna“, „Mondscheis- se“ genannt.

CG: „Meine Arbeit ist keine wissenschaftliche. Mich hat neben der biologischen Vielfalt vielmehr die Formen- und Farbenwelt der Mikroorganismen fasziniert. In metallischem Blau, in neonfarbigem Pink oder in diabolischem Schwefelgelb verbringen die Schleimpilze ein Schmarotzerleben, verdauen, was ihnen in den Weg kommt und verschwinden so rasch, wie sie gekommen sind.

Diese Urlebensform fasziniert mich auch als Metapher, diese Schmarotzer sind älter als wir alle, ihnen gelingt das Überleben mit einer gemeinsamen Unterordnung und gegenseitigen Vereinigung. Sie sind viel älter als wir und werden uns dazu wahrscheinlich noch lange überleben.

Ich lasse in meiner Arbeit die Myxomyceten über die Fassade des Trudelhauses wuchern. Die Masse scheint aus den Dachfenstern und Dachrändern zu quellen und wächst nach unten. Auf ihrem Weg platzt die Masse auf, bildet Skurrile Fruchtkörper, die leuchtend in der Nacht erstarren“.

Mikro vs. Makrokosmos, die Natur erobert ein Stück Stadt zurück!

Ein spezieller Dank geht an das Badenfahrtkomitee und an „Kunst im Trudelhaus“ für die finanzielle Unterstützung.

www.christiangreutmann.ch

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