Das Geheimnis der Sonnenstrasse von Killwangen
Stonehenge
Ihr kennt alle die Steinkreise von Stonehenge: Vor ca 3000 Jahren v.Chr. wurde mit dem Bau begonnen. Es wird noch spekuliert, ob es eine Begräbnisstätte oder ein astronomisches Observationszentrum war. Die Öffnungen der vorangestellten Steine sind exakt auf den Sonnenaufgang am Tag der Sommer-Sonnenwende ausgerichtet worden.
Manhattenhenge
In der Neuzeit ist der Begriff Manhatten-Henge entstanden. Die Bezeichnung wurde vom US-amerikanischen Astrophysiker Neil deGrasse Tyson kreiiert und bezeichnet die Tage, an denen die Sonne exakt im durch das Schachbrettartige Muster der Strassenschluchten von Manhatten durchscheint.
Killwangenhenge
Ein drittes Phänomen unserer Zeit ist in Killwangen zu beobachten.
Die Alten von Killwangen erzählen, dass die Kirchstrasse nicht zufällig dort verläuft, wo sie heute liegt. Sie sei das letzte sichtbare Zeichen eines Geheimnisses, das fast achthundert Jahre verborgen blieb.


Konrad von Chullewangen
Alles begann im Jahr 1234, als Ritter aus dem Limmattal auf einen Kreuzzug ins Heilige Land aufbrachen. Unter ihnen soll ein junger Ritter namens Konrad von Chullewangen gewesen sein, benannt nach dem damaligen Namen des Dorfes. Während der Kämpfe im Nahen Osten geriet er in die Gefangenschaft eines geheimnisvollen Gelehrtenordens bei Jerusalem.
Dort lernte er etwas, das sein Leben verändern sollte.
Die Gelehrten beobachteten seit Jahrhunderten den Lauf der Sonne. Sie wussten, dass zur Sommersonnenwende die untergehende Sonne genau über bestimmten Hügelketten erscheint und so verborgene Linien in der Landschaft sichtbar macht. Diese Linien nannten sie die «Strassen des Lichts».
Als Konrad Jahre später heimkehrte, brachte er eine Pergamentkarte mit. Darauf war kein Schatz eingezeichnet, sondern eine Himmelsrichtung: die Richtung des Sonnenuntergangs am längsten Tag des Jahres.
Vor seinem Tod versteckte er die Karte in der alten Kapelle St. Victor von Killwangen, deren Existenz bereits im Mittelalter bezeugt ist.
Die Jahrhunderte vergingen.
Kriege kamen und gingen. Die Kapelle verschwand. Das Geheimnis geriet in Vergessenheit.
Doch die Karte überdauerte.
Das Geheimnis der Guggermatt
Während des Zweiten Weltkriegs mussten polnische Internierte im Wald oberhalb von Killwangen einen geheimen Bunker errichten. Einer von ihnen soll beim Graben auf eine steinerne Kassette gestossen sein, die seit den Tagen des Kreuzritters verborgen gewesen war. Aus Angst vor den Folgen sprach er mit niemandem darüber. Stattdessen schnitzte er die Jahreszahl und ein geheimnisvolles Zeichen in die Rinde eines Baumes, damit die Stelle nicht vergessen würde. Der Baum steht angeblich noch heute im Wald. Seine eingeschnitzten Jahreszahlen erinnern an die polnischen Internierten und an das alte Geheimnis.

Kirchenbau
Im Jahr 1951 begannen die Arbeiten an der neuen Bruder-Klaus-Kirche.
Der Legende nach erhielt der Architekt eines Abends Besuch von einem alten Mann aus dem Dorf. Wortlos legte dieser das vergilbte Pergament auf den Tisch.
Darauf stand:
«Wo die Sonne am längsten Tag stirbt, dort soll das Licht Gottes wohnen.»
Der Architekt lachte zunächst darüber. Doch aus Neugier überprüfte er die Richtung.
Zu seinem Erstaunen zeigte die Linie exakt auf den Punkt am Horizont, an dem die Sonne zur Sommersonnenwende hinter den Hügeln verschwand.
Er änderte heimlich die Planung.
Nicht die Kirche wurde an die Strasse angepasst.
Die Strasse wurde an die Sonne angepasst.
Tagelang sollen Vermesser auf den Höhen gestanden haben. Mit Fernrohren und Messketten bestimmten sie den Sonnenuntergangspunkt. Niemand ausser wenigen Eingeweihten wusste, weshalb.
Als die Kirche 1952 geweiht wurde, war das Werk vollendet.


Der letzte Gruss
Jedes Jahr zur Sommersonnenwende geschieht seither etwas Merkwürdiges:
Wer sich am Abend in die Verlängerung der Kirchstrasse stellt und genau in Richtung Kirche blickt, sieht die Sonne scheinbar den Weg entlangrollen, bis sie am Ende der Strasse hinter dem Horizont versinkt. Für wenige Minuten verwandelt sich die ganze Achse in einen goldenen Lichtkorridor.
Die Dorfbewohner glauben, dies sei der letzte Gruss des Kreuzritters Konrad.
Andere behaupten, tief unter der Kirche liege noch immer die steinerne Kassette, die er aus Jerusalem mitgebracht habe. Darin befinde sich weder Gold noch Silber, sondern ein bronzener Sonnenkompass der Gelehrten des Orients.
Und manche sagen sogar, dass sich genau dann, wenn Sonnenuntergang und Glockengeläut zusammentreffen, auf dem Kirchenboden ein Lichtkreuz bildet, das direkt auf den Ort weist, an dem die Kassette verborgen ist.
Bis heute wurde sie nie gefunden.
Oder zumindest hat niemand zugegeben, sie gefunden zu haben.
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